Züchterische Gesichtpunkte

Einige Überlegungen zum Thema Zucht

Die Tierzucht und insbesondere die Bienenzucht bieten ein kaum zu überschaubares Angebot an Methoden. Dem Züchter stellt sich dabei die Frage, was überhaupt für seine persönlichen Verhältnisse machbar und empfehlenswert ist, wenn er die instrumentelle Besamung anwenden möchte. Übergreifend besteht Einigung darüber, daß die Zuchtarbeit unverzichtbar ist. Es bieten sich nun verschiedene Vorgehensweisen an.

Zu berücksichtigen ist, daß die Bienen eine kurze Generationsfolge aufweisen, die Königin bei der natürlichen Paarung das Sperma von vielen Drohnen erhält und zusammen mit dem haplo-diploiden Erbgang eine hohe Rekombinationsfähigkeit der Gene einhergeht. Die Bienenvölker sind unterschiedlichen Umweltfaktoren ausgesetzt, und es mangelt oft an Beständigkeit in der Leistungsbereitschaft.

Um in der Bienenzucht erfolgreich zu sein sind bekanntlich sichere Verpaarungen ausgesuchter Drohnen und Königinnen eine Grundvorraussetzung. Die instrumentelle Besamung stellt dafür das sicherste Verfahren dar.

Erb- und Umweltfaktoren

Die Erbfaktoren können zwar nur für einen Teil der erzielten Nutzleistungen verantwortlich gemacht werden, was insbesondere für den umweltabhängigen Honigertrag zutrifft. Insgesamt sind sie jedoch von größter Tragweite. Ziel der Auslese ist es nun, den Anteil der gewünschten Erbanlagen zu erhöhen, die die Bienenhaltung erst erstebenswert machen.
Das darf aber nicht zu Lasten der Anpassungsfähigkeit gegenüber der Umwelt gehen, weil durch eine scharfe Selektion zwangsläufig die Einengung bei den erblichen Anlagen die Folge ist, was wiederum mit erheblichen Nachteilen verbunden sein kann (extrem bei Besamungen mit einem Drohn). Die Mendelsche Genetik, die sich auf den Erbgang einzelner Gene bezieht, spielt übrigens bei Nutzleistungen im Zusammenspiel vieler Erbfaktoren und ihren Wechselwirkungen keine Rolle.

Einerseits sind also viele Genanteile erwünscht, die eine sichere Vererbung der ausgelesenen Leistungsmerkmale garantieren, gleichzeitig soll auch eine hohe Anpassung an die unterschiedlichsten Umgebungsfaktoren vorhanden sein. Das führt zum Widerspruch. Beides zusammen in vollem Umfange zu erreichen ist nicht möglich. Das Ziel sollte aber trotzdem sein, Erbtreue auf der einen und dauerhafte Leistungssicherheit auf der anderen Seite so weit wie möglich miteinander zu vereinen. Das dies nicht einfach ist liegt auf der Hand. Jedes Paarungssystem hat in dieser Hinsicht seine Vor- und Nachteile.
Prof. Förster zeigt in der folgenden Abbildung die Wesensmerkmale auf.

Bewertung der Paarungssyteme

Einzelne Königinnen oder noch besser zusammen mit ihren Schwestern mit ausgesuchtem Sperma zu besamen wird den Zuchterfolg für bestimmte erwünschte Merkmale zwar steigern, gleichzeitig kann aber die Verschiedenartigkeit der Gene (Biodiversität) insgesamt darunter leiden. Dazu gehört auch die Widerstandskraft gegen Krankheitskeime und Parasiten. Das mag im Einzelfall für das heimatliche Areal weniger von Bedeutung sein, für den Export in Regionen mit anderen Umweltverhältnissen aber schon.

Besamungsspritze mit hoher Kapazität

Immer wieder kann ich feststellen, daß nach Besamungsspritzen mit hoher Kapazität gefragt wird. Es wird gewünscht, möglichst große Mengen von Drohnensperma in die Spritze zu bekommen, um anschließend viele Besamungen vornehmen zu können. Abgesehen davon, daß bei einem Mißgeschick alles vorher gesammelte Sperma verloren gehen kann ist aber auch zu bedenken, daß auf diese Weise für die meisten Besamungsaktionen mehr Erbanlagen angeboten werden als für die spezielle Auslese genutzt werden können. Die Drohnen aus einem großen Pool vieler Völker auszuwählen ist deshalb für den eigenen Zuchtvölkerbestand nicht anzuraten, wenn züchterisch selektiert werden soll. Nur ein ganz kleiner Teil der vorhandenen erwünschten Spermien bzw. ihrer Erbanlagen kann nämlich in die Samenblase gelangen. Und die aus einem einzelnen Ei hervorgegangene Tochterkönigin wird auch nicht das ganze Spektrum weitervererben,  sondern nur einen winzigen Teil aus dem Angebot. Deshalb wird bei gezielten Paarungen die Erbtreue in der Nachkommenschaft stets höher sein.

Ein einheitliches Bild bei den Nachkommen ist nur zu erwarten, wenn nicht nur die  Königinnen, sondern auch die Drohnen aus einer vorselektierten Population und von einem Volk abstammen. Das vorsichtige Mischen des Spermas wäre für Vergleiche zwischen der Nachzucht zusätzlich von Vorteil.

Wer sich näher mit der angesprochenen Thematik und darüber hinaus beschäftigen möchte, dem sei der  Beitrag  von Prof. Dr. Dr. Martin Förster empfohlen. Der Verfasser, selbst Imker, war langjähriger Lehrstuhlinhaber für das Fachgebiet Tierzucht an der Tierärztlichen Fakultät der Uni München. Seine Ausführungen haben übergreifend Gültigkeit für sämtliche Zuchtmethoden.

Für diejenigen, die vorhaben ihre Bienenvölker auf ein höheres Niveau zu bringen und vor allem gesunde, sanftmütige, schwarmträge und leistungsstarke Völker zu besitzen stellt sich nach erfolgter Einarbeitung in der Regel die Frage, wie die weitere Planung zu gestalten ist, wenn die Besamung ein fester Bestandteil in der Zuchtarbeit werden soll.
Besteht die Absicht die züchterische Arbeit intensiver zu betreiben, dann ist das nun mal mit viel zusätzlichem Aufwand verbunden. Für die Bereitstellung von Drohnen müssen mehrere Völker bereitgestellt werden. Die aufwändige und umständliche Beschaffung von Drohnensperma aus anderen Zuchten zu einem bestimmten Zeitpunkt ist auch nicht einfach, zumal es gegenwärtig dafür keine definierten Angebote im Handel gibt und eine Bestellung erst nach persönlicher Übereinkunft möglich ist.

Rotation

Eine Möglichkeit die Besamung mit geringerem Aufwand anzuwenden wäre die Rotation zwischen interessierten Züchtern.

Nehmen wir an drei Hobbyzüchter haben die gleiche Zielsetzung und wollen fortan zusammenarbeiten. Jeder betreibt seine eigene Imkerei und widmet sich der Königinnenzucht. Die Zusammenarbeit bietet sich nun dergestalt an, daß der Züchter A von seinem besten Volk guter Abstammung nachzieht und die Königinnen mit den selektierten Drohnen des Züchters B besamt. Hier bei B wurden vom ausgesuchten Volk Geschwisterköniginnen nachgezogen, die als Drohnenerzeuger dienen. Da ihre Mutter von vielen Drohnen besamt (oder begattet) wurden und sich Millionen von Spermien davon in ihrer Samenblase befinden ist eine Verschiedenheit der Gene bei den zum Einsatz kommenden Drohnen garantiert. Die besamten Königinnen werden dann unter den beteiligten Züchtern aufgeteilt.

Die Drohnenerzeuger des Züchters B stammen aus dem Vorjahr. Dabei bot sich die Gelegenheit, die Auswahl noch einmal zu überprüfen. Paul Jungels (Luxemburg) bildet Drohnenbrutableger, indem er bei den Waben die Ecken ausschneidet und dort Drohnenbrut entstehen läßt. Kurz vor dem Schlupf werden die Waben bienenfrei eingesammelt und in eine leere Beute verbracht, rechts und links mit einer Honigwabe versehen. Darunter und darüber befindet sich ein Absperrgitter. Darauf wird eine Leerzarge gesetzt und in diese werden die Bienen von 3 – 4 Honigzargen eingeschlagen. Die Jungbienen durchlaufen das Absperrgitter und besetzen die darunter befindlichen Drohnenbrutwaben des Drohnenspenders. Nach Wegnahme des Absperrgitters kann eine Folie aufgelegt werden, die eine Ecke freiläßt, und die Leerzarge kann bleiben. Die Drohnen haben dann mehr Bewegungsfreiheit, was fast einem Flugkäfig gleichkommt, wenn oben eine Scheibe aufgelegt wird.

Im darauf folgendem Jahr wird die beste Königin vom Züchter B in gleicher Weise mit den Drohnen von C besamt und immer so weiter. Die besamten Königen werden in jedem Jahr unter den Beteiligten aufgeteilt. Damit ist nach der Anlaufphase sichergestellt, daß der Zuchtbestand größer wird und keine störenden Einflüsse von außen das Bild verfälschen. In den beteiligten Imkereien dürfen die Auslesekriterien übrigens auch voneinander abweichen. Belegstellen können weiterhin genutzt werden, und Standbegattungen für die Gebrauchsvölker sind weiterhin möglich, sofern die Verhältnisse es vor Ort zulassen. Es ist also nicht erforderlich sämtliche Königinnen künstlich zu besamen.

In diesem Zusammenhang ist zu bedenken, daß nach Anpaarungen an fremdes Zuchtmaterial (betrifft auch Belegstellen) mehr als die Hälfte der eigenen Zuchtgrundlage in der Nachzucht der betreffenden Königinnen verloren gehen kann bzw. neu komplementiert wird. Und nicht nur das, es können immer einzelne Drohnen dabei sein, die nicht  zum eigenen Zuchtziel passen.

Das Ganze läuft, falls nichts Neues hinzukommt, auf eine geschlossene Population hinaus. Sobald der Wunsch oder Bedarf an interessantem Material für die eigene Zucht besteht, so sollte davon über die Vaterseite Gebrauch gemacht werden. Das erfordert freilich besondere Beobachtung und Kontrolle.  Auf jeden Fall ist sicherzustellen, daß regelmäßig geprüftes Material hinzukommt und keine Einengung erfolgt.

Insgesamt dürfte das flexibel zu handhabende Rotationsverfahren ohne starre Vorgaben ein praktikabler Weg sein. Falls Rassemerkmale zu berücksichtigen sind, so ist das kein Hinderungsgrund und stünde auch der Zusammenarbeit mit ansässigen Zuchtorganisationen nicht im Wege.

Peter Schley